Empirische Sozialforschung – Formen und Methoden

27.08.22 Forschungsarten Lesedauer: 7min

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Die empirische Sozialforschung ist ein auf Datenerhebung und -analyse basierender Wissenschaftszweig, der die soziale Wirklichkeit anhand von Experimenten zu beschreiben versucht. Dabei wird zwischen den Forschungsarten qualitativ und quantitativ unterschieden. Hier erfährst du die wichtigsten Einzelheiten und Unterschiede, die dir helfen, die empirische Sozialforschung kennenzulernen und zu verstehen.

Empirische Sozialforschung „einfach erklärt“

Die empirische Sozialforschung ist Teil der Sozialwissenschaften und erhebt Daten, mit denen soziale Strukturen und Theorien genauer analysiert werden können. Diese Daten werden mit Hilfe von Beobachtungen, Befragungen von Versuchspersonen, Experimenten und Inhaltsanalysen erhoben.

Definition: Empirische Sozialforschung

Die empirische Sozialforschung ist ein Zweig der Sozialwissenschaften, der anhand verschiedener Methoden Daten erhebt, um die soziale Wirklichkeit, Gesellschaftsstrukturen, Lebensentwürfe und Formen der zwischenmenschlichen Interaktion zu analysieren. Sie liefert dadurch eine wichtige Grundlage für die Soziologie sowie Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Ihre wichtigsten Methoden sind die Befragung (von Versuchspersonen), die Beobachtung, die Inhaltsanalyse und das Experiment.

Formen der empirischen Sozialforschung

Die empirische Forschung verfolgt das Ziel, auf verschiedenen Ebenen datengestützte Aussagen über das Sozialverhalten sowie die Funktionsweise und Auswirkungen sozialer Systeme zu machen. Anhand dieser Aussagen lassen sich gegebenenfalls Handlungsoptionen (und -empfehlungen) für gesellschaftliche Progression und/oder eine zuverlässige Beschreibung des Status Quo ableiten. Empirische Sozialforschung wird in vier Formen unterteilt:

Explorative (empirische) Sozialforschung Die explorative Sozialforschung erkundet ein unerschlossenes Forschungsfeld, sammelt Daten und versucht Auffälligkeiten zu erkennen, ohne einer bestimmten Hypothese nachzugehen.
Deskriptive (empirische) Sozialforschung Die deskriptive Sozialforschung erhebt Daten und beschreibt die Ergebnisse, um einen Überblick über bestehende Korrelationen zu gewinnen.
Konfirmatorische (empirische) Sozialforschung Die konfirmatorische Sozialforschung ist darauf ausgerichtet, eine Hypothese anhand erhobener Daten zu bestätigen oder zu falsifizieren.
Evaluationsforschung Die Evaluationsforschung prüft soziale Projekte und gesellschaftliche Veränderungsbemühungen auf ihre Wirksamkeit/Zielerfüllung. Dazu gehört auch die Analyse der bestehenden sozialen Infrastruktur (Schulen, Vereine etc.).
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Arten der empirischen Sozialforschung

In der empirischen Sozialforschung wird ferner zwischen quantitativer und qualitativer Forschung differenziert. Die qualitative Forschung folgt einem explorativen Ansatz und dient in erster Linie der Erschließung neuer Theorien. Qualitative Studien sind insofern ergebnisoffen, als sie keine festen Parameter (zum Beispiel Antwortmöglichkeiten einer Umfrage) bestimmen, sondern auffällige Muster und Phänomene anhand spezifischer Methodik interpretieren, um neue Hypothesen für weitere quantitative Forschung zu bilden. Die quantitative Sozialforschung nutzt hingegen festgelegte Versuchsbedingungen, um repräsentative Daten zu erschließen.

Quantitative und qualitative Sozialforschung im Vergleich

Quantitative (empirische) Sozialforschung

  • standardisierte Verfahren (alle Daten entstehen unter den gleichen Bedingungen)
  • konfirmatorisch
  • repräsentative Datenmenge
  • objektive Messung sozialer Phänomene
  • Verifikation/Falsifikation bestehender Hypothesen

Qualitative (empirische) Sozialforschung

  • ergebnisoffener Versuchsaufbau (variierende Fragen, offenes Gespräch etc.)
  • explorativ
  • Stichproben, nicht repräsentativ
  • subjektive Beurteilung von Auffälligkeiten
  • stark von individueller Interpretation abhängig
  • Bildung neuer Hypothesen

Methoden der empirischen Sozialforschung

Die Befragung, die Beobachtung, die Inhaltsanalyse und das Experiment sind die vier wichtigsten Methoden für die empirische Sozialforschung. Im Folgenden erhältst du eine Übersicht über ihre wichtigsten Merkmale.

Befragung

Die Befragung gewinnt Daten, indem sie Fragen an Versuchspersonen richtet. Dies kann im direkten Gespräch, wie in einem Interview oder indirekt durch das Ausfüllen von Umfragebögen o. Ä. geschehen. Auch kann man Telefon- und Online-Umfragen erstellen. Bei einer quantitativen Befragung sind die Fragen und Antwortmöglichkeiten im Vorfeld festgelegt. Bei einer qualitativen Befragung ist dies nicht der Fall. Manchmal werden quantitative und qualitative Befragungen miteinander kombiniert – zum Beispiel, wenn Umfragebögen oder Interviewleitfäden erlauben, eigene Ideen/Antworten hinzuzufügen.

Quantitative vs. Qualitative Befragung

Quantitative Befragung

  • Überprüfung festgelegter Hypothesen
  • festgelegte Fragen und Antworten
  • Daten können leicht für andere Forschungsfragen abgerufen werden

Beispiel für die Methode

Qualitative Befragung

  • neue Forschungsansätze aufdecken
  • offene Fragen; freie Antworten
  • schwere Übertragbarkeit auf andere Forschungskontexte

Beispiel für die Methode

Erfahre hier mehr zu den Arten von Interviews.

Zu den Interviewformen

Beobachtung

Die empirische Sozialforschung nutzt Beobachtungen, um Daten durch die Observation von Versuchspersonen und Interaktionen zu erschließen. Eine quantitative Beobachtung fokussiert bestimmte (und bezifferbare) Parameter. Eine qualitative Beobachtung in einer Bachelorarbeit hält die Ergebnisse als subjektive Eindrücke fest. Ferner wird zwischen teilnehmenden und nicht-teilnehmenden Beobachtungen, Selbst- und Fremdbeobachtungen, unstrukturierten und strukturierten, offenen und verdeckten sowie Labor- und Feldbeobachtungen unterschieden.

Qualitative vs. quantitative Beobachtung

Quantitative Beobachtung

  • Observation bestimmter Parameter und hält diese in Zahlenwerten fest
  • bestätigt oder verneint eine zuvor aufgestellte Hypothese

Qualitative Beobachtung

  • hält (subjektive) Auffälligkeiten u. a. in Prosaform fest
  • dient der Bildung neuer Forschungsfragen/Hypothesen

Erfahre hier mehr zu den Arten von Beobachtungen.

Zu den Formen der Beobachtung

Selbstbeobachtung vs. Fremdbeobachtung

Selbstbeobachtung

  • Daten werden anhand der eigenen Person/Gruppierung erhoben

Fremdbeobachtung

  • Daten werden anhand von anderen Versuchspersonen/-gruppen erhoben

Teilnehmende vs. nicht-teilnehmende Beobachtung

Teilnehmende Beobachtung

  • die Forscher beteiligen sich an der beobachteten Interaktion o. Ä.
  • gegebenenfalls werden die Daten durch die teilnehmenden Forscher beeinflusst

Nicht-teilnehmende Beobachtung

  • die Forscher bleiben bei der Observation passiv
  • keine Einflussnahme der Forscher auf die Daten

Unstrukturierte vs. strukturierte Beobachtung

Unstrukturierte Beobachtung

  • kein festgelegtes Schema
  • willkürliche Veränderung der Bedingungen nach Bedarf und Forschungskonzept
  • verschiedene Beobachtungsparameter

Systematische Beobachtung

  • strenges Beobachtungsschema
  • jede Beobachtung entsteht unter den gleichen Bedingungen
  • gleichbleibende Beobachtungsparameter

Offene vs. verdeckte Beobachtung

Offene Beobachtung

  • die Versuchspersonen wissen, dass sie beobachtet werden

Verdeckte Beobachtung

  • die Versuchspersonen wissen nicht, dass sie beobachtet werden

Laborbeobachtung vs. Feldbeobachtung

Laborbeachtung

  • kontrolliertes, „künstliches“ Umfeld
  • keine äußeren Einflüsse

Feldbeobachtung

  • „natürliches“ Umfeld
  • schwer berechenbare äußere Einflüsse

Experiment

Für die empirische Sozialforschung ist ein Experiment hilfreich, um die Beziehung zweier Variablen zu prüfen. Es setzt eine unabhängige (feststehende) und eine abhängige (gemessene/potenziell variierende) Variable voraus. Ein Laborexperiment prüft den Einfluss der feststehenden Variable auf die abhängige Variable im Rahmen einer künstlich erzeugten Situation und Umgebung. Ein Feldexperiment wird dagegen in einer natürlichen Umgebung antizipiert, in der die Variablen normalerweise aufeinandertreffen.

Laborexperiment

  • geschützter und kontrollierter Rahmen
  • künstliche Situation beeinflusst eventuell Daten

Feldexperiment

  • natürliches Umfeld der zu prüfenden Variablen
  • unbekannte äußere Einflüsse könnten übersehen werden

Inhaltsanalyse

Eine Inhaltsanalyse gewinnt Daten aus Texten (auch Videos, Audiodateien etc.). Hierbei wird zwischen der quantitativen Inhaltsanalyse und der qualitativen Inhaltsanalyse unterschieden.

Quantitative Inhaltsanalyse

Bei einer quantitativen Inhaltsanalyse wird eine Vielzahl von Texten anhand einer bestimmten Fragestellung oder gewisser Begriffe untersucht. Die dabei ermittelten Daten werden kategorisiert und in ein Kodierungssystem übersetzt, um sie quantifiziert darstellen zu können.

Qualitative Inhaltsanalyse

Eine qualitative Inhaltsanalyse verwendet eine geringere Anzahl von Texten, beschränkt sich bei der Analyse allerdings nicht nur auf einen bestimmten Aspekt. Sie zielt weniger darauf ab, die Mengenverhältnisse einer bestimmten Kategorie als vielmehr ihr bloßes Vorkommen zu klären.

Ein Forscher möchte herausfinden, wie oft und in welchem Kontext das Thema „Klimawandel“ in Nachrichtensendungen innerhalb eines Jahres erwähnt wird. Dafür werden alle Nachrichtensendungen gesichtet und gewertet, wenn das Thema „Klimawandel“ erwähnt wird. Zusätzlich wird der Kontext kategorisiert, z. B. in „negative Berichterstattung“, „positive Berichterstattung“ oder „neutrale Berichterstattung“. Dann wird eine statistische Auswertung vorgenommen, um die Häufigkeit und Kontext der Erwähnungen zu analysieren.

Ein Forscher möchte verstehen, wie junge Erwachsene in Blogs über ihre Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit sprechen. Dafür werden verschiedene Blogs von jungen Erwachsenen gesammelt, die über ihre persönlichen Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit schreiben. Der Forscher analysiert die Texte, um wiederkehrende Themen, Emotionen und Perspektiven zu identifizieren. Dabei wird weniger gezählt und kategorisiert, sondern mehr interpretiert und verstanden, welche Bedeutungen und Gefühle die jungen Erwachsenen mit ihrer Arbeitslosigkeit verbinden.

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Beispiele für die Anwendung

Empirische Sozialforschung als gesellschaftlicher Bedarf

  • Marktumfragen
  • Überprüfung von (politischen) Entscheidungen auf das Sozialgefüge
  • Entwicklungen sozialer Normen

Empirische Sozialforschung in wissenschaftlichen Disziplinen

  • Soziologie
  • Kommunikationswissenschaften
  • Geschichtswissenschaften

Der Ablauf einer empirischen Sozialstudie

Eine empirische Sozialstudie folgt in der Regel einem festen Ablauf, um systematisch Daten zu sammeln und zu analysieren. Hier ist ein allgemeiner Überblick:

  1. Forschungsfrage formulieren: Jede Studie beginnt mit einer klaren Fragestellung oder einem Forschungsdesign. Dies dient als Grundlage für die gesamte Untersuchung.
  2. Literaturrecherche: Hierbei wird bestehende Literatur zum Thema durchforstet, um den aktuellen Stand der Forschung zu erkennen und Lücken zu identifizieren.
  3. Hypothesen aufstellen: Basierend auf der Literaturrecherche werden Hypothesen oder Annahmen über mögliche Ergebnisse formuliert.
  4. Methodik auswählen: Entscheide, welche der oben genanten Forschungsmethoden am besten geeignet ist, um die Forschungsfrage zu beantworten.
  5. Datenerhebung: Daten werden gemäß der gewählten Methode gesammelt.
  6. Datenanalyse: Die gesammelten Daten werden analysiert, um Muster, Beziehungen oder Unterschiede zu erkennen.
  7. Ergebnisinterpretation: Die Analyseergebnisse werden interpretiert, um Schlussfolgerungen in Bezug auf die Forschungsfrage oder Hypothese zu ziehen.
  8. Berichterstattung: Die Ergebnisse und Interpretationen werden in einem Forschungsbericht oder Artikel dargestellt.
  9. Reflexion und Kritik: Die Ergebnisse werden kritisch betrachtet und mögliche Einschränkungen oder Verbesserungen für zukünftige Studien werden diskutiert.
  10. Veröffentlichung und Kommunikation: Die Ergebnisse werden geteilt, entweder durch Veröffentlichung in wissenschaftlichen Zeitschriften, Präsentationen oder andere Kommunikationsmittel.

Häufig gestellte Fragen

Empirische Sozialforschung erforscht zwischenmenschliche Interaktionen und Strukturen, gesellschaftliche Systeme, Kommunikationsformen und Lebensrealitäten anhand von Experimenten und Datenerhebungen.

Die quantitative Sozialforschung nutzt je nach Erkenntnisinteresse einen festen, reproduzierbaren Versuchsaufbau mit einer repräsentativen Zahl von Versuchspersonen. Die qualitative Sozialforschung nutzt dagegen einen offenen Versuchsaufbau, um neue Hypothesen zu entwickeln.

Die wichtigsten Methoden für die empirische Sozialforschung sind die Befragung, die Beobachtung, die Inhaltsanalyse und das Experiment.

Ein Feldversuch findet unter freien Bedingungen „im Feld“ statt, während ein Laborexperiment in einer fest definierten Umgebung durchgeführt wird, die (möglichst) alle relevanten Einflussfaktoren einkalkuliert.

Die empirische Sozialforschung ist zuvorderst eine Disziplin der Soziologie, sorgt jedoch auch fachübergreifend (zum Beispiel in den Kommunikations-, Medien- und Politikwissenschaften) für datenbasierende Forschungsgrundlagen.